Vielleicht will
mir der Herbst
etwas sagen.
Über stockdunkle Morgen, einen Espresso zu viel und die Frage, ob Müdigkeit wirklich immer ein Problem ist.
Words & photographs · Yve · Oktober 2026

Im Sommer war alles Leben.
Ich komme morgens gerade erstaunlich schlecht aus dem Bett. Und ich mag das überhaupt nicht.
Im Sommer war alles Bewegung. Licht. Aktivität. Morgens hinaus, abends noch einmal hinaus. Die Tage waren lang, und meistens hätte ich trotzdem noch ein paar Stunden mehr gebrauchen können.
Jetzt ist es morgens dunkel. Abends wird es früh still. Und plötzlich macht sich eine Müdigkeit breit, die ich aus dem Sommer so nicht kenne.
Mein erster Impuls? Dagegen ankämpfen. Ein Espresso mehr. Mehr Sport. Mich zusammenreißen. Schließlich kann man sich doch nicht einfach vom Oktober ausbremsen lassen.
Kann man offenbar doch.

Ein Kampf gegen Windmühlen.
Während ich versuche, den Sommer in mir künstlich zu verlängern, macht die Natur draußen etwas vollkommen anderes.
Die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Das Licht zieht sich zurück. Der Garten bereitet sich auf den Winter vor.
Und ich stehe in der Küche und denke darüber nach, ob ein doppelter Espresso das Problem lösen könnte.
Man muss sich manchmal selbst dabei zusehen, um die Absurdität zu erkennen.
Vielleicht will mir die Müdigkeit ja etwas sagen. Vielleicht ist das nicht der Moment, noch eine Schippe draufzulegen. Vielleicht ist es der Moment, endlich zuzuhören.



Die Kälte, die mich wach macht.
Und trotzdem: Ich liebe diese frühen Herbstmorgen.
Diesen ersten Schritt vor die Tür, wenn es noch so dunkel ist, dass die Welt zu schlafen scheint. Die Luft ist kalt und klar. Sie trifft mich im Gesicht, und auf einmal bin ich wach. Wirklich wach.
Ich liebe den Wind, die feuchte Erde, das Licht, das sich langsam durch die Bäume schiebt. Ich will das alles spüren. Auch die Kälte.
Vielleicht ist genau das der Unterschied: Die Natur erleben zu wollen, statt gegen ihren Rhythmus anzutreten.
Ein Spaziergang braucht keine Schrittzahl. Tautreten keinen Leistungsnachweis. Und ein kurzer kühler Guss ist keine Mutprobe. Was guttut, darf bleiben. Was sich heute nicht gut anfühlt, darf warten.
Vielleicht darf Leben nur manchmal etwas leiser sein.

Vielleicht darf es leiser werden.
Ich glaube, was mich an der Müdigkeit so stört, ist nicht einmal die Müdigkeit selbst.
Es ist die Vorstellung, etwas vom Leben zu verpassen. Dass ein ruhiger Abend weniger zählt als ein voller. Dass ein langsamer Morgen irgendwie schlechter ist als einer, an dem ich schon vor dem Frühstück Bäume ausreiße.
Was für ein Unsinn eigentlich.
Ein Spaziergang durch die kalte Luft. Eine Suppe, die auf dem Herd köchelt. Kerzen am Nachmittag. Die Kinder im Wohnzimmer. Ein Abend, an dem nichts mehr passieren muss.
Das ist nicht weniger Leben. Es ist nur ein anderes Tempo.

Nicht gegen den Herbst.
Mit ihm.
Natürlich ist nicht jede Müdigkeit eine poetische Botschaft der Jahreszeiten. Manchmal fehlen Schlaf und Erholung; manchmal steckt etwas dahinter, das man medizinisch abklären sollte. Aber nicht jede Veränderung meines Tempos muss ich sofort als Problem behandeln.
Vielleicht muss ich im Oktober nicht genauso leben wie im Juli.
Vielleicht darf ich draußen die kalte Luft lieben und drinnen die warme Decke. Morgens wach werden und abends früher müde sein. Den Sommer vermissen, ohne ihn festhalten zu müssen.
Ich werde morgen früh vermutlich trotzdem kurz mit dem Gedanken an einen zweiten Espresso spielen.
Alte Gewohnheiten sind hartnäckig.
Aber vielleicht frage ich mich vorher: Bin ich wirklich zu müde für mein Leben – oder versuche ich gerade, einen Sommer festzuhalten, der längst gegangen ist?
Der Herbst ist da. Ich glaube, ich lasse ihn rein.
